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  • AutorenbildV. Romanov

Psychopathie, Soziopathie und die dissoziale Persönlichkeitsstörung. Was ist das?



Vor allem in der Populärkultur wird man häufig mit Begriffen wie "Soziopath", "Psychopath" oder "antisoziales Verhalten" konfrontiert. Diese Begriffe wecken Assoziationen mit rücksichtslosen Manipulatoren, grausamen Verbrechern oder gar Serienmördern. Glücklicherweise begegnen wir solchen Menschen meist nur auf den Seiten von Romanen, in Kinofilmen oder Fernsehserien. Dennoch übt der Gedanke daran auf viele Menschen eine düstere Faszination aus. In Internetforen und auf psychologischen Webseiten werden selbst Menschen, denen wir im Alltag begegnen, bestimmte soziopathische Persönlichkeitsmerkmale zugeschrieben. Ganze Persönlichkeitstypologien werden entworfen, die Menschen dunkle oder helle psychologische Eigenschaften zuschreiben. Auf dieser Grundlage wird dann der unangenehme Chef oder der unliebsame Arbeitskollege insgeheim als Soziopath, Psychopath oder gestört abgestempelt. Was ist dran und was sagt die Wissenschaft dazu? Sind alle Menschen, die sich rücksichtslos, manipulativ, egoistisch oder gar kriminell verhalten, psychisch gestört? Wenn Sie wissen wollen, was es damit auf sich hat, dann lesen Sie weiter.


Die Begriffe "Psychopathie", "Soziopathie" und "antisoziale" oder "dissoziale Persönlichkeitsstörung" werden auch von Psychologen häufig synonym verwendet. Dies liegt daran, dass die Begriffe unterschiedliche Ursprünge haben und ähnliche Verhaltensmuster beschreiben. Insbesondere die Begriffe "Psychopathie" und "Soziopathie" sind vor allem im amerikanischen Sprachraum gebräuchlich, was ihre Verwendung im Rest der Welt nicht ausschließt. Dabei wird Psychopathie oft als eine schwere Form von Soziopathie verstanden. Allerdings wird der Begriff "Psychopath" zumindest in Europa häufig als veraltet angesehen und nicht mehr verwendet. Grundsätzlich wird aber, wenn von einer Persönlichkeitsstörung, d.h. von dysfunktionalem Verhalten mit Krankheitswert die Rede ist, von einer dissozialen Persönlichkeitsstörung gesprochen. Denn so ist sie auch im Internationalen Klassifikationssystem der Krankheiten (ICD) unter F60.2 definiert.


Die dissoziale Persönlichkeitsstörung nach ICD-10 wird auch als antisoziale Persönlichkeitsstörung bezeichnet. Sie ist gekennzeichnet durch eine ausgeprägte Missachtung der Rechte anderer. Betroffene zeigen häufig Verhaltensweisen wie impulsives und verantwortungsloses Handeln, geringe Frustrationstoleranz, mangelndes Einfühlungsvermögen, Aggressivität und Reizbarkeit. Sie können auch leicht die Verantwortung für ihr Verhalten auf andere abwälzen und haben oft Schwierigkeiten, langfristige Beziehungen aufrechtzuerhalten.


Für die Diagnose einer dissozialen Persönlichkeitsstörung nach ICD-10 müssen mindestens drei der folgenden Kriterien erfüllt sein:

  • Mangelnde Bereitschaft, sich an soziale Normen und Regeln zu halten, was sich in wiederholten Handlungen äußert, die zur Inhaftierung (Freiheitsentzug durch Gefängnis) führen.

  • Verhalten, das eine gewisse Rücksichtslosigkeit gegenüber der eigenen Sicherheit oder der Sicherheit anderer erkennen lässt.

  • Impulsivität oder Unfähigkeit, vorausschauend zu planen.

  • Geringe Frustrationstoleranz oder niedrige Schwelle für aggressives Verhalten, einschließlich ständiger Kämpfe und Schlägereien.

  • Mangel an Reue oder Schuldgefühlen, oft verbunden mit rationalisiertem Denken, das die Bedeutung von Verhaltensweisen, die anderen gegenüber unrechtmäßig sind, herunterspielt oder leugnet.

  • Es gibt Hinweise auf eine Desorganisation des Verhaltens, der Arbeit oder des Familienlebens.

Die Symptome müssen vor dem 15. Lebensjahr begonnen haben und während der Adoleszenz oder im Erwachsenenalter fortbestehen. Andere Persönlichkeitsstörungen wie Borderline-Störung oder Schizophrenie müssen ausgeschlossen werden.


Diese Menschen leben nach dem Motto "Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner". Einfühlungsvermögen, Schuldgefühle und Pflichtbewusstsein sind ihnen fremd. Gegenüber ihren Mitmenschen verhalten sie sich manipulativ, ausbeuterisch, betrügerisch, verletzend und unzuverlässig. Dies führt dazu, dass ihre Beziehungen sehr instabil und von kurzer Dauer sind. Darüber hinaus können sie impulsiv Gewalttaten und andere Straftaten begehen, die schließlich zu einer Strafverfolgung mit anschließender Inhaftierung führen können. Die Besonderheit liegt in der Unkorrigierbarkeit des destruktiven Verhaltens, sodass auch wiederholter Freiheitsentzug nicht zu einer nachhaltigen Besserung des Verhaltens führt. Sie leben in einer Welt des "Fressen oder Gefressen werden" und nehmen sich das, was ihnen ihrer Meinung nach zusteht, oft unter Missachtung aller gesellschaftlichen und moralischen Regeln und Gesetze.


Ein Hauptmerkmal dieser Persönlichkeitsstörung ist ein Mangel an Empathie, was nicht notwendigerweise bedeutet, dass antisoziale Persönlichkeiten unfähig zur Empathie sind. Sie sind zwar in der Lage, die Gefühle anderer zu erkennen, empfinden aber kein Mitgefühl. Mit bildgebenden Verfahren wie der Elektroenzephalografie (EEG) und der Magnetresonanztomografie (MRT) konnte die Hirnaktivität in bestimmten Hirnarealen von Menschen mit normaler Empathiefähigkeit und solchen mit soziopathischen Zügen beim Betrachten von Bildinhalten gemessen werden. Bei Personen mit geringer Empathiefähigkeit lösen Gewaltdarstellungen weniger oder keine Aktivität in den für Emotionen zuständigen Hirnregionen aus.


Solche Personen können häufiger zu Straftätern werden, weil sie dazu neigen, Menschen oder auch Tiere zu misshandeln oder zu quälen. Das Quälen und Töten von Tieren kann bereits im Kindes- oder Jugendalter von abnormaler Persönlichkeitsentwicklung zeugen. Studien haben gezeigt, dass etwa 15-25 % der männlichen und 10-15 % der weiblichen Strafgefangenen eine diagnostizierbare dissoziale Persönlichkeitsstörung aufweisen. Andere Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 40 % und 90 % der Inhaftierten mittel- bis stark ausgeprägte soziopathische und antisoziale Persönlichkeitszüge aufweisen. Dies ist auch ein bedeutender Faktor bei der psychologischen Beurteilung von Straftätern, die zu einer Sicherungsverwahrung führen kann. Um welche Persönlichkeitsmerkmale geht es also?


In der Persönlichkeitspsychologie gibt es ein Konzept, das als "dunkle Triade" bezeichnet wird. Die dunkle Triade setzt sich aus drei Persönlichkeitsmerkmalen zusammen: Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie. Personen, die hohe Werte in diesen Merkmalen aufweisen, neigen dazu, besonders egoistisch, rücksichtslos und manipulativ zu sein.


Narzissmus bezieht sich auf übermäßige Selbstliebe und Selbstbezogenheit. Menschen mit hohem Narzissmus haben oft ein übertriebenes Selbstwertgefühl, suchen Bewunderung und Anerkennung und sind oft nur an sich selbst interessiert. Dieses Merkmal sollte nicht mit der Diagnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung verwechselt werden.


Machiavellismus bezeichnet eine Haltung, die auf dem politischen Denken des italienischen Philosophen Niccolò Machiavelli beruht. Menschen mit einer hohen Ausprägung von Machiavellismus neigen dazu, andere zu manipulieren und auszunutzen, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Sie sind oft sehr rücksichtslos und berechnend und haben wenig Interesse an moralischen oder ethischen Bedenken. Grundsätzlich kann man sagen, dass Menschen, bei denen diese Eigenschaft stark ausgeprägt ist, nach dem Prinzip "Der Zweck heiligt die Mittel" leben.


Psychopathie nimmt Bezug auf die oben beschriebene Persönlichkeitsstörung, die unter anderem durch einen Mangel an Einfühlungsvermögen, einen Mangel an Schuldgefühlen und eine Neigung zu impulsivem und risikoreichem Verhalten gekennzeichnet ist. Menschen mit hohen Werten bei diesem Merkmal sind oft sehr gut darin, andere zu manipulieren und auszunutzen, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Charakteristisch für dieses Merkmal ist ein geringes oder sogar gänzlich fehlendes Mitgefühl, insbesondere bei hohen Ausprägungen davon. Manche würde dieses Merkmal auch als Soziopathie bezeichnen, um diese Eigenschaft von der Persönlichkeitsstörung deutlicher zu unterscheiden.


Es ist wichtig zu beachten, dass das Vorhandensein dieser Merkmale, auch in ausgeprägter Form, nicht notwendigerweise auf eine Persönlichkeitsstörung hinweist. Vielmehr sind diese Merkmale als präklinische Ausprägungen zu verstehen, d.h. ohne Krankheitswert. Werden solche Menschen also zwangsläufig kriminell? Auch wenn die Neigung dazu zweifellos vorhanden ist, ist die Begehung von Straftaten keineswegs zwingend. Die meisten Menschen mit den beschriebenen Persönlichkeitsmerkmalen führen ein ganz normales Leben: Sie lernen und studieren, gehen ihrer täglichen Arbeit nach, heiraten und bekommen Kinder, ohne jemals strafrechtlich auffällig geworden zu sein.


Im Gegenteil, Untersuchungen haben gezeigt, dass die Merkmale der dunklen Triade in bestimmten Berufsfeldern von Vorteil sind, sodass Narzissten, Machiavellisten und Menschen mit soziopathischen Zügen in bestimmten Berufen oder Branchen überrepräsentiert sein können. Einige Studien haben gezeigt, dass Eigenschaften wie Narzissmus und Machiavellismus bei Führungskräften und Geschäftsleuten häufiger vorkommen als in anderen Berufsgruppen. Es wird vermutet, dass Berufe, die Macht und Einfluss auf andere bieten, für Menschen mit ausgeprägten Merkmalen der dunklen Triade attraktiv sein können. Dazu gehören vor allem die Politik, das Militär und möglicherweise auch medizinische Berufe.


Wo liegt nun die Grenze zwischen einem Persönlichkeitsmerkmal und einer psychischen Erkrankung? Im Allgemeinen kann man sagen, dass ein Persönlichkeitsmerkmal als Teil der normalen Variationsbreite der Persönlichkeit angesehen wird und keine signifikante Beeinträchtigung der sozialen, beruflichen oder persönlichen Funktionsfähigkeit des Individuums verursacht. Im Gegensatz dazu ist eine Pathologie ein Merkmal, das zu einer Beeinträchtigung führt und das normale Leben des Individuums behindert. In der klinischen Praxis wird die Grenze zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Pathologien anhand verschiedener Kriterien wie Intensität, Häufigkeit und Dauer des Merkmals sowie dessen Auswirkungen auf das Leben des Individuums beurteilt. Eine weitere wichtige Überlegung ist, ob das Merkmal mit Leiden oder negativen Auswirkungen auf andere verbunden ist. So sind bei Personen mit einer dissozialen Störung eindeutig negative Auswirkungen auf das eigene Leben und das Leben anderer vorhanden, die bei einer normalen Variation von positiven und negativen Persönlichkeitsmerkmalen entweder nur in geringem Maße oder gar nicht vorhanden sind.


Was ist mit Serienmördern? Sind diese Menschen alle psychisch schwer gestört, so dass ihre Krankheit sie immer wieder zu grausamen Bluttaten treibt? Glücklicherweise sind solche Personen in der Bevölkerung äußerst selten, so dass eine pauschale Aussage über den psychischen Gesundheitszustand der Betroffenen nicht möglich ist. In der Kriminologie werden zwar verschiedene Typen von Serienmördern unterschieden, aber auch diese Einteilung lässt keine eindeutige Diagnose zu. Denn im Grunde ist jeder Serienmörder ein Einzelfall und weist daher auch nur für diesen Fall typische pathologische Merkmale auf. Derartige Verhaltensweisen sind noch wenig erforscht, ihre Ursachen und Hintergründe liegen meist im Dunkeln. Das größte Hindernis besteht darin, dass Persönlichkeitsstörungen, insbesondere die dissoziale Persönlichkeitsstörung, nur sehr schwer therapierbar sind, zumal bei den Betroffenen in der Regel keine Krankheitseinsicht besteht. Dies führt dazu, dass in den meisten Ländern mehrfach vorbestrafte Gewalttäter und Mörder lebenslang in Hochsicherheitsgefängnissen oder streng bewachten psychiatrischen Anstalten für Schwerverbrecher eingesperrt bleiben. Doch die Forschung macht Fortschritte und lässt hoffen, dass es eines Tages möglich sein wird, Neigungen zu brutaler Gewalt und den unbändigen Drang, Leid und Tod zuzufügen, bereits im Entwicklungsstadium zu erkennen und aufzudecken, so dass ähnliche Gewalttaten bereits im Keim verhindert werden können.


Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Begriffe "Psychopathie", "Soziopathie", "dissoziale" oder "antisoziale Persönlichkeitsstörung" häufig synonym verwendet werden, so dass es einer genauen Betrachtung des Kontextes der jeweiligen Aussage bedarf, um zu verstehen, ob es sich im Einzelfall um eine Persönlichkeitsstörung oder lediglich um sogenannte "dunkle" Merkmale der menschlichen Psyche handelt. Natürlich ist auch nicht auszuschließen, dass die Begriffe schlicht falsch oder inflationär verwendet werden. Dieser Artikel kann jedoch in Zukunft eine verlässliche Hilfe bei der Aufdeckung der jeweiligen Bedeutungen sein.


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