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  • AutorenbildV. Romanov

Suizidalität verstehen: Unterstützung und Heilung



Der Begriff "Suizid" leitet sich vom lateinischen "sui manu cadere" ab, was so viel bedeutet wie "sich durch die eigene Hand töten". Es ist ein Tabuthema, das in der Gesellschaft oft gemieden, mit Stereotypen belegt und missverstanden wird. Doch was ist Suizid, was treibt einen Menschen dazu, den ultimativen Akt der Selbstzerstörung zu wagen, seinem Leben eigenhändig ein Ende zu setzen? Ist es ein kulturelles Phänomen, ein Akt des Scheiterns, der Versuch, ein politisches oder emotionales Zeichen zu setzen, der Wunsch, einem unausweichlichen niederschmetternden Ereignis zu entgehen, die Folge einer psychischen Erkrankung oder etwas ganz anderes? Eine pauschale Antwort auf diese Fragen ist nicht möglich, denn jede Suizidgeschichte ist sehr persönlich und die Hintergründe sind individuell.


Die Geschichte kennt einige berühmte Persönlichkeiten, die den Tod wählten, um der Schande der Entehrung zu entgehen, wie der karthagische Feldherr Hannibal Barkas oder die letzte ägyptische Pharaonin Kleopatra VII. Auch zahlreiche japanische Feldherren und Samurai der Vergangenheit wählten aus möglicherweise ähnlichen Gründen den Tod durch die eigene Hand. Diese und andere tragische Geschichten wurden in Liedern besungen und in Literatur, Theater und Film verewigt. Suizid ist eindeutig auch ein kulturelles Phänomen, das viele Menschen berührt und bewegt. Es wird daher auch in den verschiedenen Kulturen unterschiedlich aufgenommen und verstanden.


So gibt es in der deutschen Sprache den Begriff "Selbstmord", der den Akt der Selbsttötung mit Mord gleichzusetzen scheint. Dieses Verständnis des Suizids geht auf die christliche Lehre des Mittelalters zurück, die den Suizid und den sogenannten Selbstmörder aufs Schärfste verurteilte. Der Suizid galt als Sünde gegen Gott und wurde entsprechend bestraft: Familienangehörige von Selbstmördern konnten enteignet werden, die "Täter" selbst wurden außerhalb der Friedhofsgrenzen in ungeweihter Erde bestattet. Im Laufe der Neuzeit wandelte sich der Blick auf den Suizid: Die strikte Verurteilung wurde allmählich aufgegeben. Dank der im 19. Jahrhundert einsetzenden medizinisch-wissenschaftlichen Erforschung des Phänomens wurden viele bis dahin unbekannte psychische und pathologische Hintergründe des Suizids bekannt.


Heute wird der Suizid häufig auch als Freitod bezeichnet, was suggeriert, dass der eigenhändig und freiwillig herbeigeführte Austritt aus dem Leben eine freie und weitgehend autonome Entscheidung des Betroffenen ist. Dazu gehört auch die philosophische und schließlich juristische Diskussion über den Suizid oder gar die ärztliche Beihilfe zum Suizid. In diesem Beitrag geht es vor allem darum, den Suizid aus therapeutischer Sicht zu beleuchten und aufzuzeigen, dass es sich bei der Selbsttötung häufig um eine Tat handelt, die beinahe aus innerem Zwang heraus vollzogen wird, weil für den Betroffenen kein anderer Ausweg erkennbar ist, während er für Außenstehende als selbstverständlich erscheinen mag. So gesehen hat der Suizid kaum etwas mit einer freien Entscheidung zu tun. Es ist daher sehr wichtig, den Leidensweg, der im Suizid enden kann, seine Ursachen und mögliche Hilfen zur Vermeidung eines tragischen Ausgangs zu erörtern.


Einleitend ist es notwendig, einige Grundbegriffe zu erläutern, um Missverständnisse bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Suizidalität zu vermeiden. In der Fachliteratur werden vier Formen selbstzerstörerischen Handelns beschrieben:

  • Suizidgedanken: Dieser Begriff umfasst Gedanken und Ideen über Suizid, jedoch ohne konkrete Pläne, sich das Leben zu nehmen.

  • Suizidversuch: Suizidhandlung, die auf den eigenen Tod abzielt, aber nicht zum Tod führt. Auch misslungener/unvollendeter Suizid.

  • Parasuizid: Suizidhandlung, die als Hilferuf begangen wird, jedoch ohne die Absicht, aus dem Leben zu scheiden.

  • Vollendeter Suizid: Suizidhandlung, die zum Tod geführt hat. Die eigentliche Absicht ist im Nachhinein meist nicht oder nur schwer feststellbar.

Darüber hinaus gibt es besonders erschütternde Formen des Suizids wie den erweiterten Suizid und den Mitnahmesuizid. Ersterer ist ein Suizid, dem die Tötung nahestehender Personen oder Familienangehöriger wie Ehepartner und Kinder vorausgeht. Der Mitnahmesuizid hingegen beschreibt die Tötung willkürlich ausgewählter Fremder, wie dies beispielsweise bei einem vom Suizidenten absichtlich herbeigeführten Frontalzusammenstoß zweier Fahrzeuge der Fall ist.


Laut Statistischem Bundesamt starben im Jahr 2019 in Deutschland insgesamt 939.520 Menschen, davon 9041 durch Suizid. Das entspricht einem Anteil von knapp einem Prozent. Umgerechnet sind das mehr als 27 Suizide pro Tag oder mehr als ein Suizid pro Stunde. Zum Vergleich: Im selben Jahr starben 3046 Menschen bei Verkehrsunfällen. Obwohl sich die Suizidrate in Deutschland seit 1980 fast halbiert hat, sterben immer noch mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Drogenmissbrauch, Gewalttaten und Aids zusammen.


Suizid als Todesursache ist mit einem Anteil von 75,7% deutlich männlich dominiert. In den letzten 40 Jahren ist der Anteil der Männer an den Suiziden kontinuierlich gestiegen, von 63,9% im Jahr 1980 auf über drei Viertel im Jahr 2019. Das durchschnittliche Alter der Personen, die 2019 vorzeitig aus dem Leben schieden, betrug 58,5 Jahre. Frauen sind etwas älter als Männer. Generell steigt das Suizidrisiko bei beiden Geschlechtern mit zunehmendem Alter stark an. Dies gilt jedoch insbesondere für Männer im hohen Alter.


Suizide kommen in fast allen Altersgruppen vor. Auch Jugendliche und junge Erwachsene sind betroffen. In der Altersgruppe der 15- bis 25-Jährigen ist Suizid die häufigste Todesursache. Allerdings überwiegen in dieser Altersgruppe die Suizidversuche deutlich gegenüber den vollendeten Suiziden. Insgesamt ist die Zahl der Suizidversuche in allen Altersgruppen 10- bis 20-mal höher als die Zahl der vollendeten Suizide.


Die häufigste Suizidmethode mit einem Anteil von 45,1% ist das Erhängen, Strangulieren oder Ersticken. An zweiter Stelle steht die absichtliche Selbstvergiftung, meist mit Medikamenten oder Drogen. Generell wird zwischen "harten" und "weichen" Suizidmethoden unterschieden. Erstere haben eine deutlich geringere Überlebenschance und die Wahrscheinlichkeit, rechtzeitig gefunden zu werden, ist erheblich geringer. Zu den harten Methoden zählen vor allem das Erhängen, Erschießen, tiefe Schnitte, Sprünge aus großer Höhe oder das Springen vor Züge und Bahnen. Zu den weichen Methoden zählen vor allem Vergiftungen aller Art, auch durch Einatmen von Abgasen. Bei den Methoden gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede: Männer wählen deutlich häufiger harte Suizidmethoden, was zu einer höheren Zahl vollendeter Suizide bei Männern als bei Frauen führt. Diese nüchternen, aber auch bewegenden Zahlen zeichnen ein tragisches Bild und werfen viele Fragen auf, vor allem: Was geht dem Schlimmsten voraus und wie kann es eventuell verhindert werden?


Suizidale Handlungen ereignen sich meist in Krisenzeiten, wenn die Betroffenen keinen anderen Ausweg aus einer als ausweglos empfundenen Situation finden. Die Ursachen sind vielfältig und vor allem in belastenden Lebenssituationen zu suchen. Dazu zählen unter anderem: schwere Schicksalsschläge wie Todesfälle in der Familie oder im engeren persönlichen Umfeld, Trennung und Scheidung, Liebeskummer, Verlust des Arbeitsplatzes, längere Arbeitslosigkeit, Einsamkeit, schwere Krankheiten und Schmerzen, Verlust der Heimat und Misserfolge. Glücklicherweise können die meisten Menschen mit belastenden Lebensereignissen mehr oder weniger gut umgehen und werden nur selten suizidal. Anders sieht es aus, wenn die Betroffenen bereits an einer psychischen Erkrankung leiden, dafür anfällig sind oder als Folge einer schweren psychischen Belastung eine psychische Störung entwickeln. Statistische Daten zeigen, dass bei etwa neun von zehn Menschen, die sich das Leben nahmen, eine psychische Erkrankung nachweisbar war. Besonders hoch ist das Suizidrisiko bei schweren Depressionen: 15 bis 20 Prozent der Betroffenen nehmen sich das Leben. Mehr noch, unter den Ursachen für Selbstmord sind Depressionen mit einem Anteil von etwa 60 % am häufigsten.


Die folgenden psychischen Störungen verlaufen tendenziell mit einem erhöhten Suizidrisiko:

  • Depressionen (depressive Episode, Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion)

  • Alkoholabhängigkeit oder langjähriger Alkoholmissbrauch

  • Drogen- oder Medikamentenmissbrauch

  • Schizophrene Erkrankungen und schizotype Störungen

  • Akute Belastungsreaktionen und akute, auch organische Psychosen

  • Posttraumatische Belastungsstörung

  • Manische Episoden und bipolare Erkrankungen

  • Essstörungen, insbesondere Anorexie

  • Persönlichkeitsstörungen, insbesondere Borderline-Störung

  • Multiple Persönlichkeitsstörung

Weitere Risikofaktoren für selbstverletzende und suizidale Handlungen sind Suizide im näheren Umfeld wie Familie, Freundes- und Bekanntenkreis. Aber auch Suizide von Prominenten, über die in den Medien ausführlich berichtet wird, sind in ihrer negativen Wirkung nicht zu unterschätzen. Solche öffentlich breit wahrgenommenen Suizide von Menschen, die für viele eine Vorbildfunktion haben, sind durchaus in der Lage, Nachahmungen hervorzurufen und eine regelrechte Suizidwelle auszulösen. Zu nennen sind hier vor allem die Suizide bekannter Schauspieler oder populärer Musiker der jüngeren Vergangenheit, wie der des Gitarristen und Sängers der Rockband "Nirvana", Kurt Cobain, des vielfach ausgezeichneten Schauspielers Robin Williams oder des Frontmanns der Rockband "Linkin Park", Chester Bennington. Der Anstieg von Nachahmungssuiziden in bestimmten Bevölkerungsgruppen im Anschluss an eine breite Berichterstattung in den Medien wird als Werther-Effekt bezeichnet.


Dieses Ansteckungsphänomen ist nach dem 1774 erschienenen Roman "Die Leiden des jungen Werthers" von J. H. von Goethe benannt. Der Protagonist des Romans erlebte eine junge Liebe mit dem Gefühl tiefer innerer Befreiung, die er jedoch aufgrund seiner bürgerlichen Verhältnisse nicht ausleben konnte. Das Gefühl schlägt um in ein Empfinden von Unfreiheit und überwältigendem Schmerz. Als Ausweg beschwört Werther den Tod, den er schließlich selbst herbeiführt. Nach Erscheinen des Romans kam es zu einer Reihe von Selbstmorden junger Männer, die sich entweder wie Werther kleideten oder das Buch bei sich trugen, als sie sich das Leben nahmen. Der Zusammenhang war offensichtlich.


So vielfältig und individuell wie die Menschen, die sich das Leben nehmen, können auch die Motive für einen Suizid sein. Die Angaben zu den Motiven stammen aus Gesprächen mit Hinterbliebenen von Suizidversuchen. Im Weiteren werden die am häufigsten genannten Motive zusammengefasst:

  • Wunsch nach Veränderung oder Beendigung einer als ausweglos erscheinenden Situation. Unfähigkeit, einen andauernden Leidenszustand länger zu ertragen.

  • Schrei nach Hilfe.

  • Unfähigkeit, Aggressionen aufgrund von Enttäuschung oder Wut abzubauen.

  • Ein Versuch, einer drohenden Erniedrigung, Demütigung oder einem Konflikt zu entgehen.

  • Rache, um jemandem zu zeigen, wie weit er den Suizidenten getrieben hat.

  • Parasuizid als Mittel zur Manipulation anderer, um sie zu etwas zu zwingen. Dieses Verhaltensmuster kann unter anderem bei der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ auftreten.

  • Der Wunsch, zu verstorbenen Familienmitgliedern oder nahestehenden Personen ins Jenseits zu gelangen.

  • Suizid als öffentlichkeitswirksames Zeichen, vor allem zur Durchsetzung politischer Ziele, z.B. Hungerstreik oder öffentliche Selbstverbrennung.

  • Suizid als Folge gravierender Symptome einer schweren psychischen Erkrankung, z.B. einer schweren depressiven Episode oder einer paranoiden Schizophrenie, z.B. Befolgen einer Aufforderung durch halluzinierte Stimmen, sich das Leben zu nehmen, Selbstbestrafung als Folge völliger Entwertung der eigenen Person.


Suizidversuche und Suizidhandlungen können entweder impulsiv und unvorbereitet in einem emotionalen Ausnahmezustand erfolgen oder, was weitaus häufiger vorkommt, als Folge einer allmählichen Entwicklung über einen längeren Zeitraum im Rahmen einer psychischen Erkrankung, die schließlich ohne äußere Intervention zum bitteren Ende führt. Bei mehr als der Hälfte der vollendeten Suizide ist aus dem Umfeld bekannt, dass die Betroffenen in den letzten sechs Monaten vor dem Suizid einen Arzt oder Therapeuten aufgesucht haben. Dies tun sie meistens aufgrund eines körperlichen Beschwerdebildes. In der Regel verhalten sich die Betroffenen zurückhaltend, verschweigen ihre Todesgedanken oder machen vage Andeutungen, die unbemerkt bleiben. Dies zeigt, dass der "Freitod" in der Regel das Ergebnis eines längeren pathologischen Prozesses ist, der bei rechtzeitiger Erkennung aufgehalten oder umgekehrt werden kann. Bei Verdacht auf Suizidalität ist es daher sehr wichtig, die Betroffenen direkt und offen darauf anzusprechen. In den meisten Fällen ist ein solches vertrauliches Gespräch der erste Schritt zur Heilung und Rettung.


Nach der klassischen psychiatrischen Lehrmeinung steht der Suizid am Ende einer pathologischen Entwicklung. Die inneren psychischen Prozesse dieser Entwicklung wurden erstmals 1953 von dem österreichischen Psychiater Erwin Ringel ausführlich beschrieben. Er befragte und untersuchte mehr als 700 suizidale Patienten und formulierte daraus das präsuizidale Syndrom, eine Symptomkombination aus drei Grundsymptomen, die unabhängig von der körperlichen oder psychischen Grunderkrankung als sicheres Zeichen für Suizidalität gelten. Diese drei Merkmale sind Einengung, Aggressionsumkehr und Todesfantasien.


Eingengung bezieht sich auf mindestens einen der folgenden Bereiche:

  1. Im sozialen Umfeld fühlen sich die Betroffenen alleingelassen und isoliert.

  2. Das gesamte Denken wird von der als ausweglos empfundenen persönlichen Lebenssituation beherrscht. Andere Gedanken haben wenig oder keinen Platz.

  3. Das Gefühlsleben ist auf die aktuellen Problemaspekte verengt. Gefühle gegenüber anderen Menschen und Situationen sind abgestumpft und erloschen.

  4. Es gibt nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnt. Das Leben hat keinen Sinn mehr.

Aggressionsumkehr bedeutet nach Ringel, dass jeder suizidgefährdete Mensch zutiefst frustriert und von Aggression beherrscht ist. Er ist aber nicht in der Lage, diese Wut nach außen zu kanalisieren und damit abzureagieren. Dies führt schließlich dazu, dass sich die Aggression gegen die eigene Person richtet.


Todesfantasien nehmen drei unterschiedliche Formen an:

  1. Passiver Todeswunsch. Die Vorstellung tot zu sein. Dabei wird nicht über den Vorgang des Sterbens fantasiert, sondern darüber, welche Reaktion der Suizid bei den Mitmenschen auslöst.

  2. Aktiver Todeswunsch. Vorstellung sich zu töten, jedoch noch ohne konkrete Vorstellung über die Methoden.

  3. Konkrete Pläne zur Durchführung der Selbsttötung, oftmals bis ins kleinste Detail überlegt und geplant.

Diese Fantasien werden zunächst absichtlich hervorgerufen. Mit zunehmender Einengung werden sie nicht mehr willentlich erzeugt und schließlich drängen sie sich von selbst auf und können den Charakter von Zwangsgedanken annehmen. Von hier zur Durchführung ist es nur ein kleiner Schritt.


Die beschriebenen Symptome und ihre Merkmale entwickeln sich allmählich, sind aber in der Regel unmittelbar vor dem Suizidversuch gleichzeitig vorhanden. Die Einengung ist üblicherweise durch gezieltes Nachfragen relativ leicht zu erkennen. Das Erkennen der Aggressionsumkehr ist dagegen wesentlich schwieriger. Um die Ernsthaftigkeit der Situation des Betroffenen festzustellen, wird daher in der Praxis auf ein weiteres Erklärungsmodell zurückgegriffen, das suizidales Verhalten und Empfinden in Phasen gliedert.


Der schweizerische Psychiater Walter Pöldinger definierte 1968 drei Phasen oder Stadien eines suizidalen Verlaufs. Sie helfen dem Therapeuten, über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Im Folgenden werden die drei Stadien und ihre wichtigsten Merkmale vorgestellt.

  1. Erwägungsstadium. In diesem Anfangsstadium wird Suizid lediglich als eine mögliche Lösung für Probleme oder Konflikte in Betracht gezogen. Solche Gedanken werden häufig durch psychische Erkrankungen, insbesondere Depressionen, ausgelöst. In diesem Zusammenhang sind auch äußere Einflussfaktoren wie Suizide im näheren Umfeld oder auch Medienberichte im Sinne des beschriebenen Werther-Effekts zu nennen. Für den weiteren Verlauf können bestimmte Aspekte der Persönlichkeitsstruktur, wie z.B. Aggressionshemmung, eine entscheidende Rolle spielen. In dieser Phase sind die Betroffenen noch in der Lage, ihr Denken und Handeln zu kontrollieren.

  2. Ambivalenzstadium. In dieser Phase wird das Denken und Fühlen der Betroffenen von einem inneren Kampf zwischen selbsterhaltenden und selbstzerstörerischen Kräften beherrscht. Suizidgedanken können sich abwechselnd aufdrängen, um dann vorübergehend wieder vom Wunsch nach Leben abgelöst zu werden. Charakteristisch für dieses Stadium sind direkte oder indirekte Suizidankündigungen in Form von Andeutungen, Drohungen und Vorhersagen. Diese sind als Hilferufe und Kontaktwünsche zu verstehen. Die immer noch weit verbreitete Vorstellung: "Wer über Suizid redet, tut es nicht, und wer es tun will, redet nicht darüber", hat sich in der Vergangenheit nicht bewahrheitet.

  3. Entschlussstadium. Das Verhalten der Betroffenen in dieser Phase kann ruhig und entspannt wirken. Die Person, die für Außenstehende noch vor kurzem von Unentschlossenheit geplagt war, kann geradezu erleichtert wirken und sich ihren Angehörigen gegenüber zuwendungsvoll verhalten. Dieser Eindruck täuscht, denn es handelt sich um einen psychischen Ausnahmezustand, der oft als "Ruhe vor dem Sturm" bezeichnet wird. Der Entschluss, aus dem Leben zu scheiden, ist gefasst, die Vorbereitungshandlungen sind in der Regel abgeschlossen. Es besteht die kritische Gefahr, dass die Person innerhalb kürzester Zeit versucht, sich das Leben zu nehmen. Eine Person, die sich in dieser Phase befindet, muss so schnell wie möglich in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden, entweder durch freiwillige Selbsteinweisung oder durch Zwangsunterbringung durch Polizei, Ordnungsamt oder richterliche Anordnung. Rechtsgrundlage ist das Unterbringungsgesetz, das eine Zwangseinweisung bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung zulässt.

In der Praxis ist der Weg von der Erwägung zur Entscheidung selten geradlinig. In den meisten Fällen gibt es längere Phasen anhaltender Unentschlossenheit, deren Entwicklung durch verschiedene äußere Faktoren ausgelöst oder aufgehalten werden kann. Manchmal können Suizidgedanken und -fantasien über Jahre latent vorhanden sein, um dann plötzlich ohne vorbereitende Handlungen in die Tat umgesetzt zu werden. Es kommt auch vor, dass Suizidversuche impulsiv, ohne Überlegung und Planung durchgeführt werden. In den meisten Fällen lassen sich jedoch suizidale Tendenzen im Vorfeld erkennen und bieten somit einen gewissen Spielraum, um den Betroffenen zu helfen.


Im Erwägungsstadium steht die Behandlung der Grunderkrankung, bei der die Suizidalität als Symptom oder Teil des Krankheitsbildes auftritt, im Vordergrund. Bei Depressionen werden in der Regel Antidepressiva, je nach Indikation und Schweregrad auch andere Psychopharmaka eingesetzt. Die ärztlich-psychiatrische Therapie wird in den meisten Fällen durch eine psychotherapeutische Behandlung - entweder im ambulanten oder im klinisch-stationären Setting - begleitet. Im Ambivalenz- und Entschlussstadium steht wiederum die Krisenintervention an erster Stelle. Die Betroffenen im Entschlussstadium dürfen auf keinen Fall allein gelassen werden, auch nicht für einen kurzen Moment.


Was tun, wenn Sie bei sich selbst oder bei Angehörigen einige der beschriebenen Symptome zu erkennen glauben oder suizidale Tendenzen vermuten? Wenn Sie persönlich betroffen sind, suchen Sie umgehend einen Arzt oder Therapeuten auf, oder kontaktieren Sie eine Suizidpräventionshotline. Auch Ihr Hausarzt kann Ihnen weiterhelfen und Sie gegebenenfalls an einen Spezialisten überweisen. Achten Sie darauf, Ihre Symptome direkt beim Arzt anzusprechen und zu benennen. Wenn Sie Suizidphantasien oder -gedanken haben, sprechen Sie Ihren Arzt unbedingt darauf an. Derartige psychische Erscheinungen sind auf keinen Fall auf die leichte Schulter zu nehmen und müssen so schnell wie möglich medizinisch abgeklärt werden.


Wenn Sie bei einer nahestehenden Person suizidale Tendenzen vermuten, sprechen Sie sie direkt darauf an, sofern ein ausreichendes Vertrauensverhältnis besteht. Lassen Sie die Person auf keinen Fall mit ihrem Problem allein. Vermitteln Sie ihr, dass sie nicht allein ist und dass Sie für sie da sind. Versuchen Sie nicht, ihre Gedanken und Begründungen zu bewerten: Sie mögen für Sie unbedeutend erscheinen, für die Betroffenen sind sie aber sehr gewichtig. Machen Sie nichts hinter ihrem Rücken, sagen Sie ihnen offen, dass Sie Hilfe holen wollen, sei es von anderen Angehörigen oder von Fachleuten.


Generell sollten Suizidankündigungen immer sehr ernst genommen werden: 80 Prozent aller Menschen, die einen Suizidversuch unternommen haben, haben diesen in irgendeiner Form angekündigt. Viele suizidgefährdete Menschen sehnen sich, wenn auch nicht unbedingt bewusst, nach menschlicher Nähe. Es ist wichtig, sie zu unterstützen, ihren Kummer ernst zu nehmen und sie nicht leichtfertig zu trösten. Ermutigen Sie Ihre Angehörigen, einen Arzt oder Therapeuten aufzusuchen und überzeugen Sie sie davon, dass sie ohne professionelle medizinische Hilfe ihre Probleme und Beschwerden nicht in den Griff bekommen. Ärzte und Therapeuten verfügen über spezifisches Fachwissen und können durch gezielte Fragen den Ernst der Situation einschätzen und das weitere Vorgehen festlegen.


Suizidalität ist ein sehr ernst zu nehmendes Symptom einer schweren Erkrankung und tritt in den allermeisten Fällen nicht isoliert, sondern in Verbindung mit anderen klinisch relevanten Erscheinungen körperlicher und psychischer Art auf. Einmal manifestiert, verschwindet Suizidalität mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht von selbst und bedarf daher einer fachgerechten medizinischen Behandlung. Die Therapie von Suizidalität lohnt sich: Viele rechtzeitig Gerettete und Überlebende von Suizidversuchen berichten, dass sie unter anderen Umständen anders auf ihre Problemlage reagiert und ganz andere Lösungsstrategien gefunden hätten.


Darüber hinaus gibt es zahlreiche Hilfsangebote im Internet. Sehr empfehlenswert ist ein Blick auf die Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention, die viele relevante Hilfsinformationen sowie bundesweite telefonische und elektronische Kontaktmöglichkeiten für Betroffene bietet.


Abschließend sei auf einen weiteren Beitrag in diesem Blog verwiesen, der Ihnen helfen soll, zwischen den verschiedenen therapeutischen Berufen im Bereich der Psychologie zu unterscheiden und den für Sie passenden Spezialisten zu finden: "Psychiater, Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und Co. An wen soll ich mich wenden?".


Wichtiger Hinweis: Die Behandlung suizidgefährdeter Patienten ist Heilpraktikern für Psychotherapie nur unter der Voraussetzung gestattet, dass der Patient bereits bei einem Facharzt für Psychiatrie in Behandlung ist. Dies wird damit begründet, dass bei suizidalen Patienten in der Regel eine Therapie mit Psychopharmaka zur Stimmungsstabilisierung indiziert ist. Die Verschreibung und Verabreichung verschreibungspflichtiger Medikamente ist in Deutschland ausschließlich Ärzten vorbehalten.

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