Vom Schamanen zum Fußballstadion – eine kurze Geschichte des kollektiven Ausnahmezustands
- V. Romanov

- vor 22 Stunden
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Die WM 2026 läuft. In deutschen Städten hupen Autos, Fremde fallen sich in die Arme, Fanzonen verwandeln sich für 90 Minuten in etwas, das schwer zu benennen ist. Wer mittendrin steht, nennt es Begeisterung. Wer daneben steht, nennt es vielleicht rätselhaft. Wer es von außen betrachtet – ruhig, neugierig, ohne Trikot – stellt sich vielleicht eine andere Frage:
Gab es das schon immer?
Die Antwort ist ja. Und sie führt weiter zurück, als man denkt.
Der Schamane: Der erste Regisseur des kollektiven Erlebens
Vor Stadien, vor Nationen, vor Spielregeln gab es das Feuer. Und den Mann oder die Frau, die darum herum etwas in Gang setzten, das die Gruppe veränderte.
Der Schamane – ältester bekannter Therapeut, Vermittler zwischen Welten, spiritueller Techniker – verstand etwas, das die moderne Neurologie erst heute in Worte fasst: Kollektive Synchronizität verändert das Bewusstsein. Gemeinsames Trommeln, gemeinsamer Gesang, gemeinsame Bewegung – stundenlang, rhythmisch, intensiver werdend – versetzt eine Gruppe in einen Zustand, der den Alltag transzendiert. Die Ich-Grenzen werden durchlässiger. Das Erleben des Einzelnen verschmilzt mit dem der Gruppe. Etwas wird fühlbar, das allein nicht zugänglich wäre.
Das ist Trance. Der Schamane führte sie herbei – bewusst, rituell, im Dienst der Gemeinschaft.
Wer sich mit Hypnose beschäftigt, erkennt das Muster sofort. Fokussierte Aufmerksamkeit, rhythmische Sprache, Synchronizität zwischen Führendem und Geführten – das sind dieselben Prinzipien, die heute im therapeutischen Rahmen Anwendung finden. Der Schamane war der erste Hypnotiseur. Das Lagerfeuer war sein erster Behandlungsraum.
Das Kolosseum: Wenn der Staat das Ritual übernimmt
Jahrtausende später, in Rom, wurde dasselbe Bedürfnis in Stein gegossen.
Das Kolosseum fasste 50.000 Menschen. Es gab Eintrittskarten, Sitzreihen nach sozialem Stand, Programmhefte. Und es gab Kämpfer, die ihr Leben riskierten – oder verloren. Die Masse erlebte gemeinsam Spannung, Identifikation, Triumph, Tod. Panem et circenses – Brot und Spiele – war keine zynische Erfindung der Herrschenden, sondern die Antwort auf ein echtes anthropologisches Bedürfnis: Menschen brauchen kollektive emotionale Ausnahmezustände. Kulturen, die das nicht institutionalisieren, erfinden es neu. Immer wieder. In jeder Epoche.
Was das Kolosseum vom schamanischen Ritual unterschied, war nicht die Psychologie – sie war dieselbe. Es war die Inszenierung. Der Staat hatte das Ritual übernommen und in seine Dienste gestellt.
Das Turnier und der Galgen: Zwei Spielarten des Spektakels
Im Mittelalter teilte sich das kollektive Spektakel in zwei Richtungen.
Das Ritterturnier war die höfische Variante: Gewalt reglementiert, ritualisiert, ästhetisiert. Farben, Wappen, Zugehörigkeit – die Zuschauer identifizierten sich mit ihrem Ritter, ihrer Partei, ihrer Seite. Die emotionale Struktur war dieselbe wie im Kolosseum, aber zivilisierter verpackt. Der Wettkampf als Drama.
Die öffentliche Hinrichtung war die andere Seite. Michel Foucault hat sie als Spektakel analysiert: kein bloßes Strafinstrument, sondern ein kollektives Ritual der gesellschaftlichen Ordnung. Die Masse versammelte sich nicht trotz des Grauens – sie versammelte sich wegen dessen, was das Grauen auslöste: gemeinsame Erschütterung, gemeinsame Erleichterung, das kollektive Spüren sozialer Grenzen. Auch das war Katharsis – in ihrer dunkelsten Form.
Was beide Spielarten verbindet: Der öffentliche Raum als Ritualraum. Die Masse als Erlebnisgemeinschaft. Die Emotion als Kitt.
Das Stadion: Die zivilisierte Destillation
Und heute? Niemand stirbt. Die Gewalt ist sublimiert zu einem Ball, zu Regeln, zu Schiedsrichtern. Aber das Grundmuster ist erschreckend stabil.
Das Stadion ist ein Ritualraum. Der kollektive Gesang, der anschwillt und abreißt. Die körperliche Synchronizität – Tausende, die zur selben Sekunde aufspringen. Die Verengung der Aufmerksamkeit auf einen einzigen Fokus. Die Zeitverzerrung. Die erhöhte emotionale Suggestibilität. Das Wir-Erleben, das Einzelne beschreiben als etwas, das sie allein nie hätten fühlen können.
Das sind die Merkmale eines tranceähnlichen Zustands. Und sie entstehen nicht durch Zufall, sondern durch dieselben Mechanismen, die der Schamane am Lagerfeuer kannte: Rhythmus, Synchronizität, gemeinsamer Fokus, Steigerung.
Der Unterschied liegt in der Bewusstheit. Der Schamane wusste, was er tat. Das Stadion weiß es nicht. Es passiert einfach.
Zwei Arten zu fühlen
Warum erfasst dieser Zustand manche Menschen vollständig – und andere lässt er kalt?
Die Antwort liegt nicht in Intelligenz oder emotionaler Reife. Sie liegt in zwei verschiedenen Empathiekanälen.
Emotionale Empathie ist schnell, körperlich, unwillkürlich. Das Tor fällt – und der Körper reagiert, bevor der Verstand eingeschaltet hat. Die Freude der anderen landet direkt, ohne Umweg. Wer diesen Kanal stark ausgeprägt hat, wird in den kollektiven Sog hineingezogen. Er hat kaum eine Wahl.
Kognitive Empathie ist reflektierter, vermittelter, langsamer. Man versteht, was die anderen fühlen. Man kann es rekonstruieren, beschreiben, einordnen. Aber es landet nicht körperlich. Der kognitiv Empathische steht am Fenster, beobachtet die Jubelnden mit echtem Interesse – und echter Distanz.
Beide Kanäle waren evolutionär notwendig. Der emotionale Kanal hat Gruppen zusammengehalten, Jagden koordiniert, Gemeinschaften in Krisen zusammengeschweißt. Der kognitive Kanal hat Einzelne befähigt, Distanz zur Gruppe zu halten – zu beobachten, zu analysieren, zu warnen, wenn die Masse kollektiv irrte.
Der Schamane brauchte, nebenbei bemerkt, beides: Er musste die Gruppe emotional erreichen und gleichzeitig selbst den Überblick behalten. Führung ohne Mitreißen ist kalt. Mitreißen ohne Überblick ist gefährlich.
Was die Epoche verrät
Jede dieser historischen Formen – das schamanische Ritual, das Kolosseum, das Turnier, der öffentliche Galgen, das Stadion – sagt etwas über die Gesellschaft aus, die sie hervorgebracht hat. Über ihre Werte, ihre Ängste, ihre Art, Gemeinschaft herzustellen. Über das, was sie ihren Mitgliedern als kollektives Erleben anbietet.
Was das Stadion über unsere Gesellschaft sagt – darüber lässt sich trefflich streiten. Ist es Fortschritt gegenüber dem Kolosseum? Sublimierung uralter Aggression in etwas Harmloses? Oder dieselbe Energie, nur sauberer verpackt? Ist die Masse, die jubelt, freier als die Masse, die einst zum Galgen strömte – oder folgt sie demselben Sog, nur mit anderem Vorzeichen?
Diese Frage sei offen gelassen. Sie lohnt sich.
Was bleibt
Wer beim Fußball mitfiebert, ist nicht oberflächlich. Er berührt etwas Uraltes.
Wer dabei kalt bleibt, ist nicht gefühlsarm. Er steht vielleicht an derselben Stelle wie jener, der am Lagerfeuer draußen blieb – beobachtend, nachdenkend, auf seine eigene Art beteiligt.
Die interessantere Frage ist nicht: Welche Seite hat recht? Sondern: Was sagt es über mich, welcher Kanal bei mir schweigt – und welcher singt? Und was sagt es über uns alle, welche Form des kollektiven Ausnahmezustands wir uns im Jahr 2026 leisten?
Der Ball rollt bis Juli.
Praxis Romanov – Heilpraktiker für Psychotherapie und Hypnose in Lahr/Schwarzwald. Fragen zu psychologischen Themen oder Interesse an einem Erstgespräch? Alle Informationen unter praxis-romanov.de.



Sehr guter Beitrag.