Wenn der Körper trägt, was die Seele belastet
- V. Romanov
- vor 12 Stunden
- 4 Min. Lesezeit

Kaum ein Beschwerdebild ist so vertraut wie der chronische Rückenschmerz – und kaum eines wird so zuverlässig auf die Wirbelsäule reduziert. Bandscheibenvorfall, Skoliose, „mangelnde Bewegung", Übergewicht: Die Erklärungen der Orthopädie sind griffig, oft plausibel – und erstaunlich häufig unvollständig. Wer über Jahre mit Rückenschmerzen lebt, für die jede bildgebende Untersuchung, jede Physiotherapie und jede Spritze nur vorübergehend Linderung bringt, sollte sich eine unbequemere Frage stellen: Was, wenn der Rücken nicht das eigentliche Problem ist, sondern nur der Ort, an dem sich ein ganz anderes Problem zeigt?
Das ist keine neue oder randständige Idee. Im „Uexküll", einem der maßgeblichen Standardwerke der deutschen Psychosomatik, wird der Rückenschmerz seit Jahrzehnten als wichtiges Beispiel für das Zusammenwirken körperlicher und seelischer Faktoren behandelt.
Was ungesagt bleibt, sucht sich einen anderen Ausdruck
Stellen Sie sich vor, Sie erhalten eine wunderbare Nachricht – eine Beförderung, ein Lottogewinn, eine lang ersehnte Zusage. Was passiert mit Ihrer Körperhaltung? Sie richten sich auf. Der Kopf geht nach oben, die Schultern gehen zurück, der Blick wird offen. Erhalten Sie stattdessen eine schlechte Nachricht, ist die Reaktion die entgegengesetzte: Sie ducken sich, ziehen die Schultern nach vorne, machen sich klein. Das ist keine bewusste Entscheidung – es ist ein reflexhaftes Muster, das mit der Ausschüttung von Stresshormonen einhergeht und sich in Sekundenbruchteilen in der Muskulatur niederschlägt.
Nun stellen Sie sich vor, dieser Zustand der „schlechten Nachricht" ist nicht einmalig, sondern dauerhaft. Ein ungelöster Konflikt, eine Beziehung, die mehr kostet als sie gibt, ein beruflicher Druck, der nie nachlässt, eine Angst, die nie ausgesprochen wird. Der Körper kennt in diesem Fall keine Erholungsphase. Die Muskulatur bleibt in dauerhaft erhöhter Anspannung – Nacken, Schultern und unterer Rücken verspannen sich chronisch. Nicht immer lässt sich das allein durch einen orthopädischen Befund erklären; anhaltender Stress, Angst und ungelöste innere Konflikte können ebenso dazu beitragen, dass die Anspannung nicht mehr abklingt. Mit der Zeit kann eine solche Daueranspannung Fehlhaltungen und ungünstige Bewegungsmuster begünstigen und dadurch bereits vorhandene körperliche Belastungen verstärken. Die Bildgebung zeigt dann möglicherweise einen realen Befund – doch dieser Befund erklärt nicht immer allein, weshalb die Beschwerden gerade jetzt entstehen, bestehen bleiben oder sich in einer bestimmten Lebensphase verschlimmern.
Wenn dieselbe Kette bis in den Kopf reicht

Dieselbe Verspannungskette endet nicht zwangsläufig an den Schultern. Bei vielen Menschen zieht sich die chronische Nackenanspannung weiter über den Hinterkopf bis zum Scheitel und äußert sich dort als drückender, bandartiger Spannungskopfschmerz. Auch hier folgt meist zunächst die gleiche Reihe von Abklärungen – Augen, Kiefergelenk, Halswirbelsäule – oft mit demselben Ergebnis: Ein Befund lässt sich finden, er erklärt aber nicht vollständig, warum der Schmerz gerade jetzt und gerade so hartnäckig auftritt.
Rücken- und Kopfschmerzen können dann zwei körperliche Erscheinungsformen desselben Anspannungszustandes sein – und müssen nicht zwangsläufig als voneinander unabhängige Probleme betrachtet werden.
Wie sich ein solcher Zusammenhang therapeutisch verändern kann, lässt sich an typischen Verläufen veranschaulichen. Manchmal zeigen sich Veränderungen erstaunlich schnell: Ein über Jahre unausgesprochener innerer Konflikt wird in der hypnotherapeutischen Arbeit zugänglich, und parallel dazu lassen auch die körperlichen Beschwerden spürbar nach. Ein anschauliches Bild dafür ist eine Patientin, die zu Beginn kaum sitzen kann und die meiste Zeit stehen muss, weil längeres Sitzen zu schmerzhaft ist – und die in einer der folgenden Sitzungen über eine Stunde sitzt, ohne dass ihr das überhaupt auffällt.
Die seelischen Belastungen, die an solchen Beschwerden beteiligt sein können, sind dabei so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Es kann eine lange getragene familiäre Verantwortung sein, verbunden mit dem Gefühl, damit allein gelassen worden zu sein. Es kann das wiederholte Erleben sein, im beruflichen Umfeld übergangen und kleingehalten zu werden. Und es kann ein alter, nie vollständig betrauerter Verlust sein – eine Trauer, die über Jahrzehnte im Hintergrund fortbestand und sich in chronischer innerer Unruhe oder körperlicher Anspannung widerspiegelte, lange nachdem ihr Anlass aus dem bewussten Alltag verschwunden war. Der gemeinsame Nenner ist nicht der Inhalt der Belastung, sondern dass sie über lange Zeit ungelöst, unverarbeitet oder innerlich unaussprechlich blieb.
Nicht immer ein einzelnes Ereignis
Dabei steht am Anfang nicht immer ein einzelnes, klar benennbares Ereignis. Weitaus häufiger stehen solche körperlichen Beschwerden im Zusammenhang mit länger anhaltenden seelischen Zuständen – einer chronischen Angst, einer Depression, einem dauerhaft erhöhten Stressniveau oder einem brüchigen Selbstwertgefühl, das sich nicht auf einen einzelnen Moment zurückführen lässt. Die wenigsten Patientinnen und Patienten kommen von sich aus auf die Idee, ihrem Heilpraktiker für Psychotherapie von Rücken- oder Kopfschmerzen zu erzählen – das gilt als Angelegenheit für den Orthopäden, nicht für die psychotherapeutische Sitzung. In der Praxis frage ich gezielt danach, und die Antwort fällt überraschend häufig bejahend aus.
Solche individuellen Zusammenhänge werden in der medizinischen Routineversorgung bislang nur begrenzt systematisch erfasst. Die fachliche Spezialisierung und die knappe Zeit eines ärztlichen Termins führen dazu, dass die biografische und seelische Ebene häufig nicht ausführlich erhoben werden kann – nicht aus Nachlässigkeit, sondern aufgrund der Versorgungsstruktur.
Warum „Symptombehandlung" oft zu kurz greift
Das soll kein Plädoyer gegen Physiotherapie, Schienen oder orthopädische Versorgung sein – all das kann echte Erleichterung bringen und ist im Akutfall notwendig. Das Problem entsteht dort, wo die symptomatische Behandlung zur einzigen Behandlung wird: Die Schiene löst das nächtliche Zähnepressen nicht, sie verhindert nur den Zahnschaden. Die Spritze löst die Verspannung nicht, sie unterdrückt nur den Schmerz für einige Wochen. Wenn das zugrunde liegende Muster – die Art, wie ein Mensch auf Stress, Angst oder einen ungelösten Konflikt reagiert – unangetastet bleibt, können die Beschwerden fortbestehen, wiederkehren oder sich mitunter an anderer Stelle bemerkbar machen.
Die Konsequenz daraus ist nicht, orthopädische oder schulmedizinische Behandlung abzulehnen, sondern sie um die Frage zu ergänzen, die selten gestellt wird: Seit wann genau bestehen die Beschwerden – und was hat sich zu diesem Zeitpunkt im Leben verändert? Diese Frage kann – nach einer angemessenen medizinischen Abklärung – aufschlussreicher sein als die wiederholte Suche nach einem weiteren körperlichen Einzelbefund.
Ein Weg dorthin
In der hypnotherapeutischen Arbeit können innere Zusammenhänge häufig auf eine Weise zugänglich werden, die dem rein verstandesmäßigen Nachdenken verschlossen bleibt. Dabei geht es nicht darum, dem Patienten eine bestimmte Deutung vorzugeben, sondern Raum für eigene Bilder, Erinnerungen, Gefühle und Bedeutungszusammenhänge entstehen zu lassen. Die Frage nach möglichen seelischen und biografischen Zusammenhängen sollte deshalb nicht erst gestellt werden, wenn alle anderen Behandlungen ausgeschöpft sind – sie gehört, neben einer angemessenen medizinischen Abklärung, möglichst früh dazu.
Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihre Beschwerden mehr mit Ihrer Lebenssituation zu tun haben könnten, als bisherige Behandlungen berücksichtigt haben, können Sie hier einen Termin vereinbaren.